Raus aus Afghanistan! Nahost-Experte Peter Scholl-Latour spricht aus, was die Mehrheit aller Deutschen denkt.
Mehrfach berichteten die »Unabhängigen Nachrichten« im Jahr 2007 über stichhaltige politische und juristische Argumente gegen den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. In der September-Ausgabe des Magazins »Cicero« fordert auch der Nahost-Experte Peter Scholl-Latour einen sofortigen Abzug der deutschen Truppen. Seine Argumente fassen wir nachfolgend zusammen (alle Zitate von Peter Scholl-Latour; Hervorhebungen durch UN). »Man gewinnt keinen Krieg in Afghanistan«, leitet Scholl-Latour seine Argumentation ein. Er hat dabei über 160 Jahre Landesgeschichte Afghanistans im Auge, in der es keiner Besatzungsmacht gelungen ist, das Land zu unterwerfen. Weder den Briten, noch den Russen. »Wer in den Felsschluchten des Panjir die Vielzahl der zerstörten sowjetischen Panzer gesehen hat, der kommt auch nicht auf die kuriose Idee, es am Hindukusch mit dem deutschen Leopard II zu versuchen...« Wähler = Rindviecher? Die Absicht von vermeintlichen Volksvertretern wie dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Peter Struck, die Bundeswehr noch für mindestens zehn Jahre in Afghanistan zu belassen, hält Scholl-Latour für eine merkwürdige Anmutung. »In Deutschland optiert die Mehrheit der Bevölkerung für eine baldige Räumung Afghanistans, aber neuerdings ist es bei Parlamentariern und Publizisten Mode geworden, die Meinung des Bürgers gering zu achten gemäß der vulgären Redensart von einst: „vox populi, vox Rindvieh“.« Als Gerhard Schröder aufgrund seiner Haltung gegen den Irak-Krieg im Amt bestätigt wurde, hätte der Wähler »mehr gesunden Menschenverstand bewiesen als die „kriegslustigen“ Intellektuellen und Politprofis.« Mit grimmiger Heiterkeit sei feststellbar, daß die heutigen Kriegsführer aus dem Lager der einstigen utopischen Ultra-Pazifisten stammten. Die Befürworter einer Verstärkung des Afghanistan-Einsatzes aus dem Medienbereich seien nie in Afghanistan gewesen oder zumindest nur unter strenger Abschirmung. Laut Scholl-Latour gäbe es für Deutschland wichtigere Interessengebiete auf dem Balkan oder in Nordafrika als isolierte Stützpunkte in Zentralasien. Desinformation und Volksverdummung In der UN-Ausgabe 6/07 machten wir bereits als Titelthema darauf aufmerksam, daß die Öffentlichkeit zu diesem Thema gezielt desinformiert werde. Scholl-Latour bestätigt unsere Einschätzung und spricht von einer »permanenten Desinformation«. Al Qaida sei keine afghanische, sondern eine saudische Organisation, die durch den Prinzen Mohammed el Faisal und weitere Saudis finanziert werde. Weiter, so der Nahost-Experte, dürfe nicht vergessen werden, daß Osama bin Laden seine Kämpfer einst in enger Zusammenarbeit mit der CIA rekrutiert habe. Selbst die Aufstellung der Taliban-Gruppen unter Mullah Omar fanden unter maßgeblicher Beteiligung us-amerikanischer Geheimdienstbehörden statt. Sinnloser Einsatz Auch würden die Deutschen getäuscht, wenn der Tod unserer Soldaten oder die Entführung deutscher Zivilpersonen zu Schicksalsfragen der Nation hochgespielt würden. Es sei völlig normal, daß ein Militäreinsatz Soldaten das Leben kostet. Es sei zudem ganz klar, daß sich eine deutsche Regierung nicht durch Entführungen erpressen lassen darf. Aber diese Ereignisse würden nach Ansicht Scholl-Latours auch gar nicht das Problem des Einsatzes berühren. Das wirkliche Problem sei die Frage danach, ob der Nato-Einsatz am Hindukusch überhaupt Sinn mache. »Die Antwort darauf kann nur ein deutliches Nein sein.« ISAF oder Operation Enduring Freedom? Die in Deutschland geführte Diskussion über die Trennung des ISAF-Mandats von der »Operation Enduring Freedom« und die Verstrickung der deutschen Tornados zwischen beiden gehe an der Sache ebenfalls vorbei. Scholl-Latour: »Wie soll ein einfacher Paschtune diese Differenzierung wahrnehmen?« Die ISAF-Truppen der NATO seien faktisch dem Oberkommando der USA unterworfen und genau das sähe man in Afghanistan. Die angeblich bevorzugte Sonderstellung deutscher Staatsbürger gäbe es nicht. Deshalb hätte z.B. der amerikanische Geheimdienst es wieder aufgegeben, als Schutz vor den Taliban Hoheitszeichen der BRD als Tarnung zu verwenden. Die Feindschaft afghanischer Stämme untereinander hieße nicht, daß man die westlichen Besatzer liebe. Gefängnis Afghanistan Ernüchternd stellt Scholl-Latour weiter fest: »Es gibt keine NATO-Kontrolle in Afghanistan, weder im umkämpften Süden und Osten, noch im relativ ruhigen Norden...« Deutsche Soldaten seien in ihren Trutzburgen einer monatelangen und eintönigen Isolierung ausgesetzt. Einzig die Patrouillenfahrer könnten die Stützpunkte verlassen; aber auch deren Radius werde immer kleiner. Die übrigen Soldaten säßen fest. Klägliche Resultate Das Ergebnis der bisherigen Aufbauhilfe in Afghanistan bezeichnet der Experte in seinem Artikel als »kläglich«. »Am Ende werden auch die NATO-Alliierten Afghanistan sich selbst überlassen müssen. [...] Wenn trotzdem die Überlebenden der „Grünen Fremdenlegion“ – vermutlich auch Osama bin Laden – im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet Zuflucht finden, so ist das dem zwingenden Gebot der Gastlichkeit zu verdanken, das im Ehrenkodex der Paschtunen verankert ist. Das gleiche Brauchtum schreibt allerdings auch die Blutrache als unerbittliches Gesetz vor, so daß jede Hoffnung, im Umkreis der bombardierten Dörfer die „Herzen und Gemüter“ zu gewinnen, eine Schimäre [Hirngespinst] bleibt.« |