Armut trotz Arbeit
die Amerikanisierung des deutschen Arbeitsmarktes

»Deregulierung, Flexibilisierung, Privatisierung, Umverteilung von unten nach oben, und die quasi religiösen Bekenntnisse zur "freien Marktwirtschaft" sind mehr oder weniger geschickte Kopien "amerikanischer Verhältnisse".« Diese seien jedoch schon da. Weil die USA in diesem Zusammenhang aber kein populäres Vorbild seien, müsse die Politik sich öffentlich dieser rhetorischen Verschleierungstaktik bedienen.

Der emeritierte Professor für Volkswirtschaftslehre Karl Georg Zinn (Aachen) warnt mit obigen Worten eindringlich vor dieser Amerikanisierung auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Welche Auswirkungen bereits heute in Deutschland feststellbar sind, schilderte er jüngst im Magazin »Sozialismus« (Heft 3/2008).

Die offiziellen Arbeitslosen- und Beschäftigtenzahlen hält Zinn für wenig aussagekräftig. Das Zählen von Personen sage wenig aus über die tatsächliche Art und Qualität der Beschäftigungsverhältnisse. Die Unterschiede zwischen Vollzeitarbeit und geringfügiger Beschäftigung würden nicht sichtbar.

Arm trotz Arbeit

Politiker betonten zwar öfter, man wolle keine »amerikanischen Verhältnisse« auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Tatsächlich sei die deutsche Wirklichkeit aber der amerikanischen Arbeitssituation schon sehr nahe gekommen.

»Das originär US-amerikanische Phänomen der arbeitenden Armen (working poor) ist längst deutsche und europäische Alltagswirklichkeit«, meint der Aachener Professor. Immer mehr Menschen hätten trotz Vollzeitbeschäftigung kein Einkommen mehr, das oberhalb der sozialen Armutsgrenze liege.

Scharfer Blick gefragt

Doch wie läßt sich die Arbeitsmarktsituation in der BRD genauer erfassen, als durch die eingangs genannten Beschäftigungs- und Arbeitslosenzahlen?

Zinn greift hier auf das »Arbeitsvolumen« zurück. Das heißt, auf die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden pro Jahr einer Volkswirtschaft.

Das Arbeitsvolumen der BRD sei von 1991 bis 2007 um 4,75 % zurückgegangen (vgl. Tabelle 1). Gleichzeitig sei jedoch die Zahl der Erwerbspersonen seit Anfang der 90er Jahre gestiegen. Immer mehr Arbeitnehmer müssen sich somit immer weniger Arbeit teilen.

Tabelle 1: Arbeitsvolumen in Gesamtdeutschland
(jährlich tatsächlich geleistete Arbeitsstundenzahl)
JahrMrd. ArbeitsstundenJahrMrd. Arbeitsstunden
199159,789200057,659
199259,608200157,338
199358,206200256,509
199458,045200355,727
199557,665200456,049
199656,914200555,740
199756,520200656,001
199856,992200756,947
199957,317  
Quelle: Statistisches Bundesamt; Berechnungen des IAB, Nürnberg

Klaffende Wunden

Wenn also Politiker (wie z.B. am 2.5.2008 in der »Hamburger Morgenpost«) der Öffentlichkeit wieder einmal eine gestiegene Beschäftigtenzahl präsentieren, so käme diese »in erheblichem Maße nur durch die Ausweitung von Teilzeit- und Minimalbeschäftigung zustande: kein Beschäftigungswunder, sondern eine weiter klaffende Beschäftigungswunde.«

Der Anteil von Teilzeitverhältnissen unter den Arbeitsplätzen sei von 2001 bis 2006 kontinuierlich gestiegen (vgl. Tabelle 2).

Tabelle 2: Teilzeitquoten
JahrDeutschlandWestdeutschlandOstdeutschland
200128,129,223,7
200228,929,924,8
200330,131,026,1
200431,632,427,8
200532,633,329,5
200633,333,930,5
200733,534,031,3
Quelle: Berechnungen des IAB

Einen noch drastischeren Anstieg stellt Zinn bei den geringfügig entlohnten Beschäftigungen fest. Diese hätten von Anfang 2004 bis zum dritten Quartal 2007 um 35 % zugenommen (von 1,385 Mio. auf 1,874 Mio.).

Insgesamt hätten die »Veränderungen der vergangenen 25 Jahre Deutschland Wachstums- und Beschäftigungsverluste eingetragen, die weit stärker als in anderen hochentwickelten Volkswirtschaften ausfielen.« Diese Fehlentwicklung werde sich fortsetzen.

Fehler im System

Laut Zinn klagen 80 % der Menschen in Deutschland darüber, vom vielgepriesenen Aufschwung sei in ihren Familien nichts angekommen.

Mit Blick auf die bereits festgestellte Amerikanisierung der deutschen Arbeitswelt wirft der Aachener Gelehrte ein: »Wo sind wir eigentlich? Wir sind in einer kapitalistischen Gesellschaft, deren Machtprominente uns die USA lange Zeit als Vorbild für flexibel und deregulierte Arbeitsmarkpolitik und andere Wohltaten im Sinne der sehr viel Besserverdienenden anpriesen.«


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Letzte Änderung:
03.11.2010 10:11:18

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